Quelle: Abendzeitung, 4. Juni 2009
München: Michael Basler ist der Krise buchstäblich auf der Spur. Der Chef der Kölner Firma "Supercheck" macht mit seinen Mitarbeitern tagtäglich Schuldner ausfindig, die plötzlich unbekannt verzogen sind. Ein Wachstumsgeschäft: Denn deren Zahl steigt in der Krise rasant.
"Die Ermittlungsanfragen an uns sind zuletzt um 20 Prozent in die Höhe gegangen", berichtet Basler. Mehr und mehr Privatschuldner versuchen, sich durch einen Wohnortwechsel ihren Zahlungsverpflichtungen zu entgehen. "Schickt der Gläubiger eine Mahnung an die alte Adresse, kommt die Post zurück mit dem Vermerk: ,Unbekannt verzogen'", so Basler. Am neuen Wohnort melden sich die säumigen Zahler nicht mehr an. Die Einwohnermeldeämtern haben deshalb auch keine Daten über sie. Für die Gläubiger ist es kaum möglich, sie zu finden.
Hintergrund der Schuldnerflucht: Die Wirtschaftskrise treibt immer mehr Privatleute tief in die Miesen. Die Wirtschaftsauskunftei Bürgel rechnet 2009 mit 140.000 Privatinsolvenzen. Schuldner, die nicht mehr zahlen können, suchen dabei oft ihr Heil in der Flucht.
Auf der Suche nach Ihnen wenden sich Firmen oder ANwaltskanzleien an die Bürgel-Tochter Supercheck. Sie ist auf Adress-Ermittlungen spezialisiert. Um den Aufenthaltsort zahlungsunwilliger Kunden herauszufinden, forschen die Adress-Fahnder in Konsumentendatenbanken mit den Namen der Gesuchten. Auf die Spur eines Schuldners kommen sie, wenn er etwas im Versandhaus bestellt und dort seine Adresse angibt. Oder er schließt einen Handy-Vertrag ab - mit Wohnortangabe. Ein Check der Konsumentendateien bringt dann seine Adresse ans Licht. Anschließend prüfen die Adressfahnder, ob er dort auch wohnt: "Einige Personen geben falsche Adressem an", meint Basler. "Andere ziehen sechs, sieben Mal im halben Jahr um".
Das Problem kennt auch Matthias Weigler. Er betreibt die "Deutsche Mieterdatenbank". Dorthin melden Vermieter Daten von "Problem-Mietern". Andere Wohnungseigentümer können so überprüfen, ob ein Mieter schonmal auffällig wurde. Weigler ermittelt aber auch Adressen untergetauchter Mieter. "Wir stellen ebenfalls ein Plus an Anfragen fest", sagt er. Die Folge: "Die Vermieter sind vorsichtiger geworden." Die Anfragen nach Bonitätsprüfungen für Mieter steigen.
Und nicht nur Vermieter, auch Firmen schauen mittlerweile genau hin, wem sie Geld stunden. Denn die zunehmende Schuldnerflucht bringt vor allem kleinere Betriebe immer wieder in Bedrängnis, berichtet Bürgel-Geschäftsführer Norbert Sellin: "In der Krise sind die Margen der Firmen so gering, dass Zahlungsausfälle durchaus zur Insolvenz führen können." (siehe Info).
Infokasten:
Zahlungsmoral
Auch die Firmen drücken sich oft
Nicht nur Privatleute, auch Firmen drücken sich immer öfter vor Zahlungsverpflichtungen. Die Zahlungsmoral in der Wirtschaft habe sich wegen der Krise spürbar verschlechtert, stellte jetzt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform fest. Lieferanten blieben häufiger auf ihren Forderungen sitzen, weil den Firmen das Geld ausgeht. Eine Folge: Die Zahl der Firmenpleiten wird heuer auf bis zu 35 000 steigen. Zwar seien die Hauptgründe für eine Insolvenz eher die Auftragsflaute oder Fehlinvestitionen", sagt Hardy Gude von Creditreform. "Ist ein Betrieb aber erstmal in Schwierigkeiten, können Zahlungsausfälle von privaten Kunden das Fass zum Überlaufen bringen."
Hinzu kommt: Vor allem Mittelständler kommen in der Krise immer öfter an ihre Grenzen, weil sie Warengeschäfte lange vorfinanzieren. Ein Problem übrigens, dass es historisch bedingt vor allem in Deutschland gibt. "Das Prinzip: ,Ware schicken, Rechnung stellen und aufs Geld warten' existiert in anderen Ländern gar nicht", sagt Michael Basler von Supercheck. Dort werde bei Endkunden meist Vorkasse verlangt oder per Kreditkarte bezahlt. "Auf die Idee, Rechnungen nicht zu bezahlen und sich aus dem Staub zu machen, kommen Kunden dann gar nicht erst."